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Raiffeisen Bank Schweiz: Die Genossenschaft damals und heute

Die grosse Idee

Friedrich Wilhelm Raiffeisen, Vater der Raiffeisen-Bewegung

Friedrich Wilhelm Raiffeisen war ein preussischer Regionalpolitiker. Als Bürgermeister von mehreren Gemeinden war Raiffeisen mit der Armut und dem Leid der Landbevölkerung konfrontiert. Während der Hungersnot 1864 hatte er erstmals die Idee zur genossenschaftlichen Selbsthilfe. Er gründete einen Brotback-Verein, der die Armen mit Brot versorgte. Auch seine weitere berufliche Laufbahn verschrieb er dem Ziel, die Lebensbedingungen der Landbevölkerung zu verbessern. Als Bürgermeister gründete er Schulen und erschloss die Region durch den Bau von Strassen. Seine Sorge galt der bäuerlichen Bevölkerung, die durch Missernten, Wucherzinsen und mangelnde Investitionsmöglichkeiten immer mehr verarmte. Ausgehend von seinen Grundprinzipien, der Selbsthilfe und der Solidarität, gründete er eine Kreditgenossenschaft mit demokratischer Struktur und mit ehrenamtlicher Verwaltung. Um Mitglied zu werden, musste man einen Genossenschaftsanteil zeichnen und dafür einen beschränken Beitrag an das Grundkapital der Genossenschaft leisten. Als Gegenleistung erhielten die Mitglieder günstige Darlehen, beispielsweise um Vieh, Saatgut oder Geräte zu kaufen und erhielten andererseits gute Zinsen, wenn Sie Geld übrig hatten und dieses bei der Genossenschaft anlegten. An die Kreditvergabe wurden strenge Bedingungen geknüpft: Mitgliedschaft in der Genossenschaft, ausreichend Sicherheiten, Amortisationszahlungen. Die Mitglieder hafteten solidarisch für die Genossenschaft. Durch das verteilte Risiko der Solidarhaftung und durch die strengen Kreditvergabe-Bedingungen war die Genossenschaft gegenüber Dritten äusserst kreditwürdig. Erwirtschaftete die Genossenschaft Gewinne, wurden diese zum Teil an die Mitglieder ausgeschüttet und zum Teil flossen sie in einen Reservefonds, der das Haftungsrisiko für die Mitglieder immer weiter verringerte.

Der Beginn der schweizerischen Raiffeisen-Bewegung

Pfarrer Johann Traber, Vater der schweizer Raiffeisen-Bewegung

Die Probleme der ländlichen Bevölkerung, die Friedrich Wilhelm Raiffeisen so sehr beschäftigten, waren keine lokal begrenzten Probleme, sondern die Probleme des 19. Jahrhunderts - vor allem der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Während der Agrarkrise 1880-1885 wurden Tausende von Bauern in der Schweiz zahlungsunfähig. Die Industrialisierung, insbesondere die Textilindustrie sorgte für eine Verarmung des Mittelstandes und brachte die Landwirtschaft und die traditionellen Klein- und Mittelbetriebe arg in Bedrängnis. In der Ostschweizer Gemeinde Bichelsee-Balterswil liessen die Folgen der Krise dem Dorfpfarrer Johann Traber keine Ruhe. Zusammen mit einigen anderen Gründern griff er die Idee von Raiffeisen auf. Am 21. Dezember 1899 fand mit 47 Genossenschaftsmitgliedern die Gründungsversammlung des Spar- und Darlehenskassenvereins Bichelsee-Balterswil statt, welcher am 1. Januar 1900 den Geschäftsbetrieb aufnahm. Im Fokus des Vereins stand der Mittelstand des Dorfes, mit Landwirtschaft und Klein- und Mittelbetrieben. Geprägt von einem Pfarrer, kamen zur den Prinzipien von Raiffeisen - der Selbsthilfe und der Solidarität - noch christliche Werte hinzu. Anfangs wurde der Kassenverein belächelt - gegründet und geleitet von einem Priester und einem Dorfschullehrer, und mit einem gewöhnlichen Sticker mit Primarschulbildung als Kassenverwalter. Doch der Erfolg gab den Gründern recht und die Idee der dörflichen Genossenschaft machte Schule. In immer mehr Gemeinden wurden nach dem Vorbild von Pfarrer Traber Genossenschaften gegründet.

Föderalismus auch bei der Raiffeisen-Bewegung

An den Grundsäulen der Schweiz, dem Föderalismus und der Gemeindeautonomie, orientiert sich auch die Struktur der Raiffeisenkassen. Die einzelnen Kassen werden in den jeweiligen Gemeinden gegründet und sind fest in der Gemeinde und der Dorfgemeinschaft verwurzelt - bis heute übrigens. Die Kunden der Banken sind gleichzeitig auch Genossenschafter, also Mitbesitzer der Banken. Sie können über die lokalen Belange Ihrer Bank mitentscheiden. Auf kantonaler Ebene sind einzelnen Kassen einem Regionalverband angeschlossen und auf der nationalen Ebene wurde im Jahre 1902 der Schweizerische Raiffeisenverband gegründet.

Pierin Vincenz, Erbe von Raiffeisen und Traber

Pierin Vincenz, CEO der Raiffeisen Schweiz

Die Raiffeisen Bank ist inzwischen zur drittgrössten Bankengruppe der Schweiz geworden. Die Zahlen sind beeindruckend: 3.3 Mio. Kunden, davon 1.6 Mio. Gesellschafter, also Mitbesitzer der Banken. Raiffeisen ist in 1146 Orten vertreten, hat damit das dichteste Bankstellennetz der Schweiz.
Seit 10 Jahren wird die Raiffeisen-Gruppe von Pierin Vincenz geleitet, dessen Erfolge in einer schwierigen Zeit beachtlich sind. Pierin Vincenz brachte die Gruppe auf einen kontinuierlichen Wachstumskurs, ohne die traditionellen Werte aufzugeben. Eben kein Wachstum "um jeden Preis". Die Raiffeisenbanken schreiben sich weiterhin eine vorsichtige Kreditpolitik, die Kontrolle der Risiken und kein Mitmachen in jedem Preiskampf auf die Fahne. Überzeugen wollen Pierin Vincenz und alle Genossenschaftsbanken durch Beratungskompetenz, Fairness und eine konstante und verlässliche Geschäftspolitik.
Eine aktuelle Herausforderung für die Raiffeisengruppe ist die Strategie von Pierin Vincenz, mit Raiffeisen in die grossen Städte zu expandieren. Die Überlegung von Vincenz lässt sich so zusammenfassen: Raiffeisen ist die Bank der Menschen, der Bevölkerung. Zu den Prinzipien gehören die lokale Verankerung und die Kundennähe. Die Bevölkerung ist aber seit der Gründung der Raiffeisen-Banken von den ländlichen Gebieten in die Städte gewandert. In Zürich beispielsweise wohnt 1/6 der gesamten Schweizer Bevölkerung. Da ist es logisch, dass Raiffeisen nun den Menschen in die Städte folgt. Der Kurs von Pierin Vincenz ist nicht unumstritten und wird bei einzelnen Genossenschaftern auf dem Land mit Skepsis verfolgt. Bisher ist es dem Raiffeisen-Vordenker Vincenz aber gelungen, die Expansion umsichtig voranzuführen, ohne an den alten Werten zu rütteln und ohne die Interessen der ländlichen Genossenschafter zu verletzen. Die Strategie scheint vernünftig zu sein. Die Grundgedanken der Selbsthilfe und der Solidarität sind zwar auf dem Land entstanden, doch warum sollten sie nicht auch in der Stadt gelten? Sicher, eine Genossenschaft kann auf dem Land einfacher funktionierten als in der Stadt, da jeder jeden kennt, der Banker genau weiss, wer sein Kunde ist, seine Bedürfnisse und Sorgen kennt und die individuelle Situation des Kunden im Umfeld der Gemeinde und der Familie versteht. Obwohl es Sinn macht, ist es also im städtischen Umfeld schwieriger eine Genossenschafts-Bank zu gründen und erfolgreich zu betreiben. Doch ist das ein Grund es zu lassen? Für den hemdsärmeligen Bündner Pierin Vincenz sicher nicht.

Genossenschaft, das Modell der Zukunft?

Noch vor wenigen Jahren wirkte das Raiffeisen-Modell etwas verstaubt, war es doch unwillig und unfähig den modernen Trends zu folgen, die wie Mantras tausendfach wiederholt wurden: «Globalisierung», «Shareholder-Value». Eine durch unersättliche Gier und kurzfristige Ziele und Gewinne bestimmte Geschäftspolitik vieler Banken führte in die Krise. Einige überlebten nur durch die Hilfe der Staaten, also der Allgemeinheit. Doch haben diese Banken daraus etwas gelernt? Nein, sie schlagen noch Profit aus der staatlichen Hilfe und zocken munter weiter, steuern also schnurgerade auf die nächste Krise zu. Warum auch nicht? Es kann ihnen ja nicht viel passieren. Wenn sie Glück haben, dann können sie gigantische Gewinne einfahren, und wenn sie Pech haben, dann ist es ja das Pech von anderen, denn man wird sie schon wieder vor dem Untergang bewahren. «Too big to fail» heisst der Freischein für erfolglose Banken und erfolglose Bank-Manager.

Sehen Sie auch Parallelen zum Beginn dieses Artikels, lieber Leser? Ist es nicht wieder eine Zeit, in der Gedanken wie «Solidarität unter Gleichberechtigten», «Einigkeit zum Nutzen der Gemeinschaft» und «genossenschaftliche Selbsthilfe» Sinn machen würden?
Wer weiss, vielleicht erlebt ein «altes Modell» bald eine grosse Renaissance: die Genossenschaft. Zeitgemäss ist sie wieder, die Genossenschaft. Und noch etwas anderes ist sie: sympathisch. Im Zusammenhang mit Banken eine ungewöhnliche Eigenschaft.

 

Quellen zum Thema

Sibylle Obrecht: «Raiffeisen, Menschen Geld Geschichten», Verlag Huber, 2000, ISBN 978-3-7193-1185-8
Wikipedia: Friedrich Wilhelm Raiffeisen
Pierin Vincenz im 30-minütigen Interview bei Radio DRS
Pierin Vincenz: Der nette Dompteur (Bilanz Online)
Wirtschaftsdienst Onoris: Raiffeisen Bank
CV von Pierin Vincenz
Zeit-Fragen: «Das Geld des Dorfes ? dem Dorfe!»
Pierin Vincenz in der SF-Tagesschau
Pierin Vincenz und Jürg Bucher im Streitgespräch

 

Bilder-Quellen

Website der Raiffeisen Schweiz

 

 

 

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